Die Logistik entwickelt sich zu einem datengetriebenen, automatisierten Teil der Industrie. Im Sinne von Industry 5.0 reicht es jedoch nicht, Prozesse an Software zu übertragen. Unternehmen müssen sicherstellen, dass Menschen die Ergebnisse verstehen, ungewöhnliche Situationen erkennen und Verantwortung übernehmen können.
Jan Steenberg, Präsident von CILT International, sieht eine Lücke bei der Qualifizierung neuer Beschäftigter. Wenn KI immer mehr Planungsaufgaben erledigt, sammeln Berufseinsteiger möglicherweise weniger praktische Erfahrung. Sie können dann ein System bedienen, ohne die Auswirkungen auf Produktion, Bestände, Transportkapazität und Kundenverpflichtungen ausreichend zu kennen.

Automatisierung braucht Fachwissen
Für industrielle Anwender bedeutet das, digitale Kompetenz mit operativer Ausbildung zu verbinden. Beschäftigte müssen Datenqualität und Modellgrenzen beurteilen und entscheiden können, wann eine Empfehlung nicht übernommen werden sollte. Auch wenn die Software einen Vorschlag erzeugt, muss die Verantwortung einer Person zugeordnet bleiben.
CILT International verbindet nationale Institute und setzt Bildungs- und Mitgliedsstandards, die regional angepasst werden. Das Netzwerk ist in etwa 40 Ländern vertreten; jährlich studieren bis zu 10.000 Menschen innerhalb der weltweiten Organisation. Eine Mitglieder-App soll den Austausch zwischen Studierenden, Fachkräften und Spezialgruppen verbessern. Eine breitere Einführung ist für 2027 vorgesehen.
Gemeinsame Nutzung stärkt Lieferketten
Die Digitalisierung findet unter dem Einfluss geopolitischer Unsicherheit, der Dekarbonisierung und hoher Kostensensibilität statt. Unternehmen können vorhandene Ressourcen besser auslasten, indem Hersteller Transporte und Fahrzeugkapazitäten bündeln. Branchenübergreifende Kooperationen können zudem Teile der Distribution oder des Außendienstes gemeinsam organisieren. Weniger doppelte Fahrten sind möglich, allerdings nur mit Vertrauen und klaren Geschäftsvereinbarungen.
Auch bei alternativen Antrieben wird es mehrere Wege geben. In der Schifffahrt fließen Investitionen in Ammoniaklösungen, während Hybrid-Lkw kurzfristig Vorteile gegenüber rein elektrischen Fahrzeugen haben könnten, wenn Kosten und Reichweite entscheidend sind. Automatisierter Straßenverkehr dürfte zunächst Haupt- und Fernverkehrsrouten betreffen.
Innovation orientiert sich am Menschen
Die Personalfrage bleibt ein Kernbestandteil der Transformation. Eine alternde Fahrerschaft verschärft die Rekrutierung; ein türkisches CILT-Programm mit Unterstützung von Mercedes-Benz Trucks und der Regierung will innerhalb von fünf Jahren 5.000 Frauen für den Beruf ausbilden und gewinnen. Paketstationen können letzte Meilen bündeln, ersetzen aber keine Haustürzustellung für Medikamente oder ältere Menschen. In Ghana transportieren Drohnen dringende Güter wie Blut und Arzneimittel zu Gesundheitszentren in einem Radius von ungefähr 100 Kilometern. Industry 5.0 wird damit praktisch: Technologie entfaltet ihren Wert dort, wo sie mit qualifizierter menschlicher Aufsicht und realen Bedürfnissen verbunden ist.






