Die eFTI-Verordnung erfordert Teamarbeit

Die eFTI-Verordnung erfordert Teamarbeit

Die eFTI-Verordnung trat im August 2024 in Kraft und zielt darauf ab, den Datenaustausch im EU-Verkehr zu digitalisieren und rechtlich zu regeln. Jetzt ist nicht die Zeit für Behörden und Unternehmen, allein zu handeln. Standardisierte Open-Source-Lösungen sind der Schlüssel zur eFTI-Zukunft Europas, schreiben Andreas Nettsträter (im Bild unten), CEO der Open Logistics Foundation, und Mitautor Raoul Wintjes, Leiter Internationaler Straßengüterverkehr/Digitalisierung beim Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV).

Der Güterverkehr in Europa ist (noch) eine Papierwelt. Denn der Datenaustausch hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert: Transportinformationen werden hauptsächlich in Papierform erfasst und kontrolliert. In Deutschland teilen sich das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM), die Landespolizei und die Zollbehörden die Kontrollaufgaben. Ein Rahmen für den digitalen Austausch von Frachtpapieren innerhalb und zwischen den 27 Mitgliedstaaten existiert bislang nicht.

Im Juli 2020 verabschiedeten das Europäische Parlament und der Rat der EU die sogenannte eFTI-Verordnung (EU) 2020/1056 über elektronische Frachtbeförderungsinformationen. Das Akronym eFTI steht für Electronic Freight Transport Information. Die eFTI-(Durchführungs-)Verordnung trat am 21. August 2024 in Kraft.

Die Verordnung schafft den dringend benötigten rechtlichen Rahmen für die digitale Übermittlung von Informationen über den Güterverkehr auf Straße, Schiene, Luft und Binnenwasserstraßen innerhalb der EU – zwischen Wirtschaftsakteuren und Kontrollbehörden. Kurz gesagt: eFTI bringt Rechtssicherheit im digitalen öffentlichen Raum, denn jedes der 27 EU-Länder kann unterschiedliche Transportdokumente und Nachweise verlangen. eFTI soll das Dokumentenchaos im grenzüberschreitenden Verkehr innerhalb der EU digitalisieren und standardisieren.

Euro sparen

eFTI wird sowohl den Behörden als auch den Logistikunternehmen erhebliche Vorteile bringen. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten durch eFTI allein im Transportsektor in den nächsten 20 Jahren bis zu 27 Milliarden Euro an Verwaltungskosten eingespart werden. Logistikunternehmen werden diese Einsparungen beispielsweise bei Kontrollen des Güterverkehrs durch die zuständigen Behörden in den EU-Mitgliedstaaten spüren.

eFTI Regulation

Andreas Nettsträter, Open Logistics Foundation

Das Austauschen, Prüfen und Verifizieren von Papierdokumenten ist im Tagesgeschäft extrem zeitaufwendig: Die Kontrolle eines ausländischen Lkw kann beispielsweise 45 Minuten oder länger dauern. Künftig, wenn alle relevanten Transportdaten per Mausklick verfügbar sind, werden Kontrollen nur noch wenige Minuten dauern. Auch die Arbeit von Polizei und Feuerwehr wird durch eFTI beschleunigt: Wenn ein Lkw liegen bleibt, können sie künftig alle Daten zum Fahrzeug und zur Ladung digital abrufen und sofort die richtigen Maßnahmen ergreifen.

Datenaustausch über eFTI-Plattformen

Das klingt vielversprechend, aber seine Wirksamkeit hängt von einer harmonisierten und vertrauenswürdigen Informations- und Kommunikationstechnologie-Umgebung ab. Nur dann kann der Austausch von Transportdaten zwischen Behörden und Logistikunternehmen sicher und reibungslos erfolgen. Angetrieben durch die eFTI-Durchführungsverordnung arbeiten die EU-Mitgliedstaaten bereits mit Hochdruck an der technischen Umsetzung. Im Fokus steht dabei die Architektur für den Datenaustausch.

 

Grundsätzlich sollen Unternehmen künftig sogenannte „eFTI-Plattformen“ betreiben. Diese speichern behördenrelevante Informationen. Die Behörden selbst entwickeln „eFTI-Gates“, die ihnen den Zugang zu den Plattformen ermöglichen. Die Plattform jedes Unternehmens wird mit einem bestimmten Gate verbunden, über das die Kommunikation mit verschiedenen Behörden erfolgt. Die Transportinformationen verbleiben auf der Plattform und dürfen nur in klar definierten Fällen von den Behörden abgerufen werden.

Kein Unternehmen soll extra zahlen

Die neuen technischen Regelungen zu eFTI stellen zweifellos einen Eingriff in die bestehenden Praktiken von Logistikunternehmen dar. Viele von ihnen – insbesondere die größeren – verfügen bereits über eine funktionierende Softwarearchitektur für Transportdokumente. Warum sollten sie nun eine neue Lösung einführen, die erhebliche interne (IT-)Ressourcen erfordert oder den Zukauf externer Softwarelösungen notwendig macht?

Ganz einfach: eFTI soll für alle da sein – für große und kleine Unternehmen gleichermaßen. Neben den internationalen Unternehmen gibt es unter den Spediteuren und Logistikdienstleistern viele kleine und mittelständische Betriebe. Die Umsetzung von eFTI muss daher für alle Unternehmen der Logistikbranche praktikabel sein – unabhängig von ihrer Ausgangslage. Niemand soll mehr bezahlen!

Mitgestaltung per Open Source – das Beispiel eCMR

Unternehmen jeder Größe haben jetzt die wichtige Chance, den zukünftigen eFTI-Prozess mitzugestalten und frühzeitig umzusetzen. Nicht allein, sondern gemeinsam. Ziel ist es, auf europäischer Ebene kompatible Systeme gemeinsam zu schaffen. Ein aktuelles Beispiel für einen solchen Ansatz ist der elektronische Frachtbrief (eCMR) für den internationalen grenzüberschreitenden Straßengüterverkehr. In einem Projekt der Open Logistics Foundation arbeiten 20 Unternehmen und Organisationen an einer Open-Source-Lösung für den digitalen Frachtbrief. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass Marktteilnehmer – große Konzerne ebenso wie kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) – sowie IT-Dienstleister aus der Logistikbranche zusammenarbeiten. Kostenlose Open-Source-Komponenten ermöglichen die Teilnahme von Unternehmen jeder Größe = niemand wird ausgeschlossen.

eFTI gibt eCMR kräftigen Rückenwind

Die Digitalisierung des eCMR erleichtert es Logistikdienstleistern, die Anforderungen der neuen eFTI-Verordnung zu erfüllen. Es ist jedoch wichtig klarzustellen, dass die eFTI-Verordnung nicht die Digitalisierung privater Transportdokumente wie des eCMR umfasst. Sie gibt jedoch durch die Schaffung neuer Datenstandards und die Reduzierung der Komplexität der zu entwickelnden technischen Lösungen einen erheblichen Impuls für die Einführung des digitalen Frachtbriefs.

Open-Source-Zusammenarbeit statt europäischer Insellösungen

Der beste und standardisierteste Weg hierfür ist die Nutzung von Open Source. Ein Beispiel für gelebte Zusammenarbeit ist das groß angelegte Forschungsprojekt „Silicon Economy“ des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV), geleitet vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML), einem strategischen Partner der Open Logistics Foundation. Die Entwicklungsarbeit legt bereits die Grundlagen für eine Open-Source-Lösung: Konkret eine beispielhafte Umsetzung einer eFTI-Plattform am Beispiel des eCMR. Der digitale Frachtbrief dient dabei zur automatischen Bereitstellung von Daten für die eFTI-Schnittstelle.

Dieser deutsche Open-Source-Ansatz ist längst kein nationaler Alleingang mehr. Im Forschungsprojekt eFTI4EU haben sich inzwischen neun EU-Länder zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Architektur zu fördern – und diese als Open-Source-Software zu veröffentlichen. Nicht nur die Unternehmen, auch die Behörden der Mitgliedstaaten müssen zusammenarbeiten. Das wird die Umsetzungszeiten erheblich verkürzen.
Es braucht keine 27 Einzellösungen. Die Basiskomponenten – etwa die Umsetzung eines eFTI-Datenmodells und eines eFTI-Gates – können mit Open Source standardisiert werden. Schnittstellen sind notwendig, damit jedes Unternehmen sich mit den eFTI-Gates verbinden kann, und Open Source ist ein wichtiger Hebel, um sicherzustellen, dass eFTI wirklich durchstartet. Eines ist sicher: eFTI ist eine Voraussetzung für die weitere Digitalisierung der Branche und darf nicht gestoppt werden!

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